Wenn das Ich der Nahrung entsagt und die Seele ihre Vielgestalt zum Ausdruck bringt.
Wer hätte gedacht, dass du schon im ersten Sommer deines Lebens Schmerz erfahren würdest – mit Wunden in der Haut, so tief, dass jeder Mensch, der dich pflegte, aus innerster Seele mitweinte. Wie tief muss eine Erfahrung reichen, wenn jede Berührung zugleich Liebe und Leid in sich trägt? Wie verzweifelnd muss ein Zustand sein, der weder Schlaf noch Bewegung noch das unbeschwerte Empfinden des Menschseins zulässt? Wie kann das sein, dass egal was man isst und trinkt, sich gegen einem richtet?
Man nannte es atopisches Ekzem mittleren Grades, man nannte es Neurodermitis, und darüber hinaus nannte man es psychosomatisch. Doch wie kann eine so junge Seele ihr Unbehagen auf dieser Erde bereits so deutlich zum Ausdruck bringen? Oder geht es vielmehr darum, dich auf etwas Härteres, etwas Einschneidenderes vorzubereiten? Ein Pendeln zwischen inneren und äusseren Einflüssen, ein Zustand, der dir eines Tages zeigen wird, wer dich wirklich liebt, so wie du bist, und wer bereit ist, diese Last mitzutragen. Dank dieser Menschen konnte in der Zukunft vieles erreicht werden. Dank dieser Menschen vermochte der instabile Faktor in deinem Leben, sofern er dies weder verstand noch verstehen wollte, immer weniger Schaden anzurichten, auch wenn daraus Traumata entstanden sind. Der Aufwand der du mit dich bringst, ist es wert, denn das ist auch Liebe, mit dir zu weinen, wenn es halt mal schief gegangen ist..
Ein Jahr, in dem man sich als Mutter unablässig Schuld gab; ein Jahr, in dem man sich nichts sehnlicher wünschte, als den Schmerz des eigenen Kindes für immer auf sich zu nehmen; ein Jahr, in dem man alles daransetzte, damit es ihm Schritt für Schritt besser gehe; ein Jahr auch, in der Dankbarkeit aufkam, weil man sich durchsetzte und Schulmedizin und Alternativmedizin komplementär wirken konnten. Und dennoch bleibt es ungerecht, dass das eigene Kind schreien muss, um gehört zu werden. Es schmerzt, wenn das Kind – je nach Zustand – auf das Stück Kuchen eines Freundes verzichten muss. Es ist grausam, dass man sich mit kaum einem Jahr bereits mit einer chronischen Krankheit auseinandersetzen muss, ohne zu wissen, ob man sie jemals hinter sich lassen wird. Und es ist erschreckend, wenn man acht Jahre vorspult und am Ende nur sagen kann: Im Grossen und Ganzen ist es besser geworden. Denn man sucht noch immer nach dem richtigen Shampoo, man zittert noch immer, ob das aktuelle Waschmittel nicht nur verträglich bleibt, sondern auch auf dem Markt und in genau dieser Zusammensetzung verfügbar sein wird. Man rauft sich die Haare angesichts dessen, wie die Haut auf jeden seltsamen Zahn und jeden Heuschnupfen reagiert. Man lernt zu schätzen, man lernt zu akzeptieren, man lernt anzunehmen. Man lernt, dass Struktur und Grenzen ebenso zum Leben gehören wie die Pflicht, es dennoch zu leben. Man lernt, was Erfolg bedeutet, man lernt Respekt und Akzeptanz – und dennoch bleibt man oft ausgeschlossen, vom Gegenüber nicht verstanden.
Es ist nicht psychosomatisch; es ist der Ausdruck eines Ichs, das sich erst finden muss, das lernen soll, für sich einzustehen. Ein Ich, das sein Dasein begreifen versucht, seinen Mehrwert erkennt und mit kleinen Schritten und beharrlicher Ausdauer in der Zukunft ein grosses Ziel erreichen kann.
Lass deine Seele sich ausdrucken, höre ihr zu, gehe mit ihr nach draussen, zu den Tieren und der Natur, höre ihrer Traümen, Ängsten und Sorgen zu, deine Haut ist ein Kompass dieses Ausdrucks. Deine Haut ist der Leuchtturm, das du nun anders bist und dennoch du selbst.
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